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Vermenschlichung – wo liegen die Grenzen?

Der Hund ist seit tausenden von Jahren ein Bestandteil unserer Gesellschaft. Für die einen ist er ein treuer Wegbegleiter, ein Spielgefährte oder die Erfüllung eines langersehnten Kindertraumes geworden. Für viele ist der Vierbeiner mittlerweile jedoch viel mehr als ein Haustier. Wenn die Liebe zum Hund so weit geht, dass er den gleichen oder gar einen höheren Stellenwert einnimmt als Mitmenschen, spricht man von einer Vermenschlichung des Tieres. Doch wo fängt diese an, wo hört sie auf und welche Gefahren können für Hund und Halter entstehen?

Vom vierbeinigen Partner zum Menschenersatz – oft ist der Unterschied nicht mehr auszumachen

Wenn wir uns die Lebensweise von Tieren vorstellen müssen, geht das meistens ganz einfach. Bei Löwen, Elefanten oder Wölfen bekommen wir sofort ein Bild von weiten Steppen, einem dichtbewachsenen Dschungel oder großen Wäldern. Doch was ist mit dem Hund? Sein Lebensraum hat sich mit den Jahren verändert. Wo früher ein Rudelleben mit Rangordnung und Unterwerfung angesagt war, finden wir heute Vierbeiner in Einzelhaltung im eingezäunten Garten oder am Flur wieder. Eines ist sicher: Hunde können sich hervorragend den unterschiedlichsten Lebensräume des Menschen anpassen. Doch gilt das auch für den Lebensstil, die Art und Weise, wie Sie Dinge erleben, kennenlernen und erfahren? Da stellt sich doch die Frage, welche Haltung noch im Sinne des Hundes ist und was überhaupt noch als artgerecht bezeichnet werden kann.

Mal ehrlich – wo liegen bei Ihnen die Grenzen?

Ganz ehrlich – Darf Ihr Hund im Bett schlafen, am Esstisch mitessen oder in der Badewanne plantschen? Kleiden Sie Ihren Hund ein? Klar, niemand hat böse Absichten, wenn dem Chihuahua ein Cape übergeworfen wird, oder der Dalmatiner ein eigenes Facebook-Profil bekommt. Oft meinen wir es jedoch schon zu gut mit den geliebten Haustieren. Sie gehören mittlerweile so sehr zu unserem Alltag, zu unserer Gesellschaft und Familie, dass Handlungsweisen der totalen Vermenschlichung unbemerkt bleiben. Vermenschlichung, wissenschaftlich Anthropomorphismus genannt, bedeutet, nicht-menschlichen Lebewesen (aber auch Gegenständen, Naturgewalten etc.) menschliche Eigenschaften, sowohl im Verhalten, aber auch in der äußerlichen Erscheinung zuzusprechen. Wir kontrollieren das Leben des Hundes von Anfang an. Wir gehen ins Tierheim oder zum Züchter oder … Dann entscheiden wir, wo das Tier von nun an lebt, wann es rausgehen darf und was gegessen wird. Darüber hinaus befehlen wir, wann es sich paaren darf und mit wem es spielen soll oder nicht! Was da noch übrig bleibt sind jene Dinge, die ihm seine Biologie vorgeben!

Wie wir den Hund vermenschlichen

Früher hatten Hunde als Nutztiere noch einen völlig anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Es gab eine klare Trennung zwischen den Tieren, die für den Lebenserhalt von Nöten gewesen sind, und dem Familienleben. Heute stellen wir Haustiere oft mit Menschen gleich, in dem wir sie autoritär erziehen. Mit Sätzen wie „Was machst du da schon wieder, ich hab dir schon so oft gesagt, dass du das nicht darfst“ unterstellen wir den Vierbeinern nicht nur ein Verständnis für Worte, sondern auch eines für menschliche Denkweisen und Regeln. Wenn Probleme auftreten, hört man oft, der Hund sei eigensinnig oder stur. Diese Verhaltensmuster sind menschlich. Hunde reagieren immer nur ihrer Umwelt entsprechend.  Aufgrund bestimmter Reize wie Lärm kann der Vierbeiner so beispielsweise aggressives oder nervöses Verhalten zeigen. Denn Tiere handeln nicht vernunftgesteuert und treffen nicht absichtlich Entscheidungen. Ein Hund ist nicht traurig, weil er sein Herrchen oder Frauchen vermisst, sondern höchstens, weil ihm die Struktur beziehungsweise „sein Rudel“ fehlt.

Ein gewisses Maß an Vermenschlichung ist für unsere Hunde durchaus in Ordnung. Wenn Frauchen von der Arbeit kommt und ihrem Vierbeiner von ihrem Tag erzählt, wird ihr Hund wohl nichts davon verstehen, aber es schadet ihm auch nicht. Unangenehm für den Hund wird es, wenn der menschliche Egoismus überhandnimmt, seine Bedürfnisse und Vorlieben unter den Tisch fallen und seine Kommunikationsversuche missverstanden werden.

Weiter zum Interview mit Hundepsychologin Kathrin Schar

Kleidung, flauschig weiche Pullover, duftende Shampoos und ein kuschlig weiches Bett. Was für ein Hundeleben – oder ist es das doch nicht mehr? Handelt es sich bei einer Form der Überbemutterung um einen Ersatz fehlender menschlicher Kontakte? Wann ist eine fürsorgliche Hingabe für den Hund noch gesund und normal?

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Kathrin Schar wurde 1982 in Wien geboren. Durch anfängliche Erziehungsschwierigkeiten hat sie begonnen so manche Trainingsmethoden zu hinterfragen und das Ganze durch seriöse Ausbildungen selber in die Hand zu nehmen. Seit 2010 hat sie sich auf die Themen Mensch-Hund-Beziehung und Verhaltenstherapie spezialisiert. www.zurueckzumhund.comKathrin Schar ist Hundepsychologin in Wien. Erst 2014 veröffentlichte sie gemeinsam mit dem bekannten Tierpsychologen und Tierbuchautor Thomas Riepe das Werk „Hunde halten mit Bauchgefühl“. Da sie in ihrer Arbeit nicht nur mit dem Hund, sondern viel mehr mit dem Halter arbeiten muss, weiß sie genau, wie ein artgerechtes Hundeleben auszusehen hat.

Wie sieht ein artgerechtes Miteinander mit dem Hund aus?

An oberster Stelle sollten immer die individuellen Bedürfnisse und Eigenschaften des jeweiligen Hundes stehen. Ein richtiges Deuten des Ausdrucksverhaltens ist dabei unabdingbar. Allein als Accessoire oder Kinderersatz sollte sich niemand einen Hund halten. Neben der passenden Beschäftigung geht es in der Mensch-Hund-Beziehung vor allem um Respekt und Vertrauen. Und das erreicht man nur durch gegenseitiges Verständnis. Wenn ich die Emotionen und das Verhalten meines Hundes richtig deuten kann (nicht im vermenschlichten Sinn), fühlt er sich bei mir geborgen und sicher. Viele Probleme basieren auf Missverständnissen zwischen Mensch und Hund. Weder ein zu starkes Vermenschlichen, noch strikte Rudelführerthesen, bei denen der Hund nicht einmal Wasser lassen darf, wo er möchte, führen bei einem Hund zu Wohlbefinden. Alltagsstrukturen und kleine Regeln, die durch eine klare Kommunikation übermittelt werden, helfen ihm sich in unserer Welt zurecht zu finden.

Grausige Auswüchse der Vermenschlichung von Hunden – falsch verstandene “Liebe”

Wo fängt die Vermenschlichung an?

Vor allem die Projektion menschlicher Denkweisen führt oft zu Problemen in der Mensch-Hund-Beziehung. Einem Hund, der auf den Vorzimmerteppich pinkelt, wenn er alleine gelassen wird, wird schnell vorgeworfen dies aus Protest zu tun. In Wahrheit hat er Stress mit dem Alleinebleiben und bei Stress wird unter anderem das Hormon Aldosteron angekurbelt, das den Wasserhaushalt im Körper reguliert – der Hund muss sich öfter erleichtern und kann es nicht mehr halten. Wenn der Mensch dann nach Hause kommt und den nassen Teppich entdeckt, schimpft er den Hund aus, woraufhin sich dieser vielleicht geduckt verkriecht, was wiederum als schlechtes Gewissen interpretiert wird. Passiert dieser Ablauf öfter, wird der Hund irgendwann bereits auf das Eintreten des Menschen unsicher reagieren, was die menschliche These noch verstärkt. In dem Fall reagiert der Hund jedoch nur auf die negative Stimmungslage bzw. die negative Erwartungshaltung des Menschen (Emotions-Übertragung). An sein Malheur im Vorzimmer denkt er schon lange nicht mehr. Eine solche Vermenschlichung kann also schnell zu Bestrafung für Handlungen führen, die der Hund entweder anders wahrnimmt oder gar nicht mehr im Kopf hat. Er versteht die Strafe somit schlichtweg nicht.

Ein Punkt, der immer wieder angesprochen wird, der jedoch nichts mit Vermenschlichung zu tun hat, ist das „im Bett schlafen“. Hunde schlafen ganz einfach dort am liebsten, wo sie es am gemütlichsten empfinden und wo sie sich wohl fühlen. Wenn sich also ein Hund zu seinem Menschen ins Bett legt, findet er es dort ganz einfach bequem oder sucht körperliche Nähe – was wiederum die Bindung verstärkt. Vermenschlichung wäre es, wenn der Mensch seinen Hund nimmt, ihn ins Bett mit dem Kopf auf dem Poster legt, ihn zudeckt, ihm ein Küsschen auf die Stirn drückt und eine gute Nacht wünscht.

Warum vermenschlichen wir den Hund und welche Gefahren können dabei entstehen?

Zum einen neigen wir zum Anthropomorphismus, wenn wir etwas nicht verstehen und wir nach Erklärungen suchen. Ein gutes Beispiel ist hierfür der Hai. Ein Hai hat keine Mimik. Sein starrer Blick wird von den meisten als Bedrohung interpretiert, da ein fixierender, kalter Blick bei uns Menschen Aggression vermitteln soll. Dass der Hai gar nicht anders schauen kann. spielt hier keine Rolle – die Bewertung läuft unbewusst. Ein weiterer Aspekt kommt sicherlich aus dem sozialen Bereich. Menschen verfügen über ein sehr starkes Fürsorgeverhalten. Wir fühlen uns wohl, wenn wir uns um jemanden kümmern können, aber auch das Gefühl gebraucht zu werden ist für uns sehr wichtig. Beide Kriterien erfüllt der Hund sehr gut und gerade Menschen, die etwa wenige Sozialkontakte haben, kompensieren ihre Einsamkeit über die Hundehaltung. Dieses Fürsorgeverhalten wird bei einigen Rassen sogar bewusst durch gezielte Zucht angekurbelt. Beim sogenannten Kindchenschema wirken kindliche optische Eigenschaften als Schlüsselreize, leider oft auf Kosten der Gesundheit der Hunde. Dazu zählen zum Beispiel ein vergrößerter Kopf, große Augen, eine Stupsnase, ein tapsiger Gang usw.

Ein sehr kommunikativer Mensch freut sich womöglich über den täglichen Besuch in der vollen Hundezone, da er sich dort gut mit Gleichgesinnten unterhalten kann. Sein Hund zieht beim Eintreten bereits den Lippenspalt (also die Mundwinkel) nach hinten und galoppiert erstmal 5 Runden im Kreis, verfolgt von 5 weiteren Hunden. Die erste Interpretation der meisten Menschen: Der lächelt, freut sich und beginnt gleich zu spielen. Dass der Hund jedoch Stressverhalten zeigt und somit regelmäßig in Situationen mit großem Konfliktpotenzial gebracht wird, wird gar nicht erst wahrgenommen. Daher ist es für jeden Hundehalter wichtig, sich ein wenig mit der Sprache und dem Wesen seines Hundes auseinanderzusetzen und zumindest die Basics zu kennen. Eine ganz nüchterne Betrachtung eröffnet uns wieder ganz neue Blickwinkel und zeigt uns wie interessant, vielschichtig und individuell unsere Hunde sind.

Hundeliebhaber beweisen die Liebe zu ihren Vierbeinern auf teilweise extremen Wegen: Wellness, Kleidung und Partys für den Hund. Der neueste Trend: Ein eigener Facebook-Account für den Hund! Was ist hier noch vertretbar und was geht eindeutig zu weit?

Wenn Liebe zur Qual wird

Wellness für den Hund kann durchaus sinnvoll sein. Professionelle Massagen lösen Verspannungen und können so frühzeitigen Arthrosen vorbeugen. Eine gut durchdachte Bewegungslehre hilft nach Operationen und bei Erkrankungen des Bewegungsapparates. Fragwürdig sind da schon eher Pediküren für Hunde oder bunte Strähnchen im Fell. Dem Hund wird seine Farbpracht egal sein, doch ob er die Prozedur angenehm findet, sei einmal dahingestellt. Auch bei der Kleidung gilt es, die Sinnhaftigkeit abzuwägen. Einen warmen Mantel wird ein frierender Hund im Winter willkommen heißen. Für heiße Tage gibt es mittlerweile sogar kühlende Westen. Doch kostümierte Hunde auf einer Faschingsfeier dienen wohl eher der Belustigung ihrer Menschen. Daher gilt auch hier wieder: Erkenne ich rechtzeitig die Stress- und Beschwichtigungssignale meines Hundes und bin ich auch bereit meine eigenen Wünsche dem Hund zuliebe außen vor zu lassen?

Der Trend des Facebook-Accounts für Hunde schadet wiederum niemandem, zeigt aber wieder, wie wichtig Hunde für uns geworden sind. Sie sind Familienmitglieder, Freunde, Kameraden, denen es an nichts fehlen soll. Und das ist auch gut so. Solange man nicht vergisst, dass sie doch noch Hunde sind und ihre Grenzen und Bedürfnisse erkannt und respektiert werden.

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