Ernährung

Sind Hunde Fleisch- oder Allesfresser?

Wie viel Fleisch Hunde tatsächlich für eine möglichst ausgewogene Ernährung benötigen, ist immer wieder Thema emotionaler Diskussionen. Eine exakte Antwort lässt sich darauf gar nicht finden, da es beim Individuum Hund ganz auf den individuellen Bedarf ankommt. Und der hängt von einer Menge unterschiedlicher Faktoren ab.

Um den tatsächlichen Bedarf an Fleisch bzw. tierischem Protein zu eruieren, müssen wir einen Blick zurück in der Evolution des Hundes wagen. Gerade hier ergaben sich oft fehlerhafte Interpretationen was die Abstammung des Hundes betrifft.

Hunde sind verdauungsphysiologisch keine Wölfe mehr!

Zwar ist es natürlich völlig richtig, dass der Hund vom Wolf abstammt, doch haben sich Hunde im Laufe mehrerer tausend Jahre ebenso weiterentwickelt und physiologisch angepasst, wie eben auch wir Menschen. Ein direkter Vergleich mit dem Wolf ist daher nur bedingt zulässig. Allein eine Gegenüberstellung eines Chihuahuas mit einem Wolf macht schnell klar, warum die kleinste Hunderasse der Welt genetisch zwar noch zu gut 99% dem Wolf ähnelt, doch hat sich seine Anatomie aufgrund der züchterischen Selektion sowie dem engen Zusammenleben mit dem Menschen denkbar weit von dem des Urahnen entfernt. Und daraus lässt sich auch ein anderer Nahrungsbedarf ableiten.

Wölfe legen am Tag bis zu 100 Kilometer zurück und können kurzfristig bei der Jagd eine Geschwindigkeit von bis zu 60 Kilometer pro Stunde erreichen. Chihuahuas haben unbestritten das Selbstvertrauen eines Wolfes (mindestens), doch erreichen sie höchst selten eine solche Geschwindigkeit oder müssen gar ähnlich kräftezehrende Jagden auf tonnenschwere Bisons vollführen. Weiters zählen Hunde bzw. die gesamte Familie der Hundeartigen nicht, wie beispielsweise Katzen, zur Gruppe der obligatorischen Karnivoren, also der reinen Fleischfresser. Eine Studie hat gezeigt, dass sich in Chile freilebende Hunde sehr abwechslungsreich von überwiegend Haushaltsresten, Früchten, Samen sowie Karkassen von Nutzvieh ernähren. Am geringsten war der Anteil von (kleinen) Beutetieren im untersuchten Mageninhalt.

Daraus kann geschlossen werden, dass sich Hunde zwar gewiss nicht nur von Getreide ernähren würden, ebenso entspricht aber auch eine rein auf Fleisch basierende Ernährung nicht ihren natürlichen Bedürfnissen.

Hunde haben sich zur „Mülltonne“ des Menschen entwickelt

Die Geschichte des Hundes ist deshalb so von Erfolg geprägt, weil er sich in beispielloser Form den Menschen angeschlossen und ihrer Lebensweise angepasst hat. Damit einher ging auch die Anpassung der Bedürfnisse. So muss der Hund heute folgerichtig als Carni-Omnivore bezeichnet werden, was einen wenig wählerischen Fleisch-Allesfresser beschreibt.

Interessant dabei ist, dass eine Studie inzwischen nachweisen konnte, dass bei an DCM erkrankten Hunden eine Verbesserung der Herzgesundheit durch Zugabe von 100 mg Taurin pro Kilogramm Körpergewicht erreicht werden konnte. Bei Rassen die grundsätzlich keine Disposition zu DCM haben, wird ursächlich eine unausgewogene Ernährung in Form bestimmter Proteindiäten oder des übermäßigen Verzichts auf Getreide dafür angenommen.

Der Verzicht auf Getreide bringt keine Vorteile, kann aber gesundheitliche Nachteile begünstigen

Der komplette Verzicht auf Getreide lässt sich auch durch keine Studie als ernährungsphysiologisch wertvoll für Hunde nachweisen. Im Gegenteil – viele Hunde entwickeln diverse gesundheitliche Probleme bei einem zu geringen Anteil hochwertiger Kohlenhydrate. Ein Klassiker sind mehr oder weniger ausgeprägte Probleme mit den Analdrüsen, da eine zu proteinreiche Ernährung bei empfindlichen Hunden zu dauerhaft erweichtem Kot führt und eine regelmäßige Entleerung der Drüsen damit nicht mehr gewährleistet ist.

Außerdem hat der Hund im Laufe seiner Anpassung an das Zusammenleben mit dem Menschen, im Gegenteil zum Wolf, die Fähigkeit Stärke aufzuschließen und zu verarbeiten entwickelt. Verantwortlich dafür sind unterschiedliche Gene, die beim Hund in höherer Anzahl vorliegen als beim Wolf. Besonders interessant ist das Ergebnis mehrerer Studien, wonach die Fähigkeit Stärke aufzuschließen einerseits rassespezifisch variiert, andererseits aber sogar je nach Region unterschiedlich ausgeprägt ist. Es konnte gezeigt werden, dass Hunde in Regionen, in denen Menschen bereits sehr früh sesshaft wurden und Landwirtschaft betrieben, mehr Kopien des für die Stärkeverarbeitung notwendigen Gens AMY2B aufweisen, als Hunde aus anderen Regionen.

Den ganzen Artikel findest du in Ausgabe 06/2021 .