Gesundheit

Lasst den Rüden ihre Männlichkeit!

Es ist vermutlich der 3.237 Artikel zu diesem Thema, doch nach dem letzten Besuch der örtlichen Hundezone, scheint die momentan gültige Meinung so weit vom aktuellen Stand der Wissenschaft entfernt, dass dieses Thema noch lange nicht ausgelutscht ist.

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Ich bin mit meiner Beagle-Hündin wie bereits eingangs erwähnt in der Hundezone. Ein Jack Russell Terrier Rüde der ununterbrochen bei verschiedensten Hunden, egal ob Rüde oder Hündin, aufreitet fällt auf. Der Hundehalterin ist das äußerst unangenehm und sie versucht ihn davon abzuhalten, jedoch erfolglos. Die kleine Gurppe in der sie steht ist gerade so weit von mir entfernt, dass ich die (Fach-)Gespräche noch hören kann. Auf die ohnehin verunsicherte Hundehalterin prasseln innerhalb kürzester Zeit „Tipps“ ein, dass es einem den Magen umdrehen könnte. Die Klassiker der Hundezonen sind natürlich auch vertreten, nämlich Kastration wegen gesteigertem Sexualtrieb und „eine ordentliche Ansage, damit er es sich merkt“.

Die Fachgruppe bleibt beim Thema Kastration hängen und es dauert nicht lange bis diese als optimale Lösung auserkoren ist. Zwar wirft eine andere Hundehalterin noch ein, dass sie ihren Rüden damals aus dem gleichen Grund hat kastrieren lassen und er im Verhalten jedoch keinerlei erhoffte Veränderung zeigte, das Urteil über die Eier dieses Rüden ist jedoch längst gefällt: sie müssen ab!

Folgenschwere Fehldiagnose

Die Meinung, dass ein aufreitender Rüde an übersteigertem Sexualtrieb leide, hält sich extrem hartnäckig. Die Verhaltensforschung hat jedoch gezeigt, dass dies nur in den wenigstens Fällen der tatsächliche Grund dafür ist. Viel häufiger ist das Aufreiten eine Übersprungshandlung. Bei Rüden, die diesees Verhalten immer wieder und sogar nach einer erfolgten Kastration zeigen, dient es schlicht dem Stressabbau. Hundehalter erzählen außerdem, dass ihre kastrierten Rüden nach wie vor ihre läufige Hündin „decken“. Der Grund ist so einfach wie logisch: beim Paarungsakt wird das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet und lässt die Paarung somit immer zu einer selbstbelohnenden Handlung werden.

Bevor Sie Ihrem Rüden einen übersteigerten Sexualtrieb unterstellen, sollten Sie auf jeden Fall Expertenrat einholen, um die Motivation hinter diesem Verhalten zu analysieren. Sollten Sie einen reversiblen Testlauf machen wollen, bietet sich der Kastrationschip an.

Aggression als Grund

Mehrmals täglich werden in Österreichs Tierarztpraxen Hunde, Rüden im Besonderen, kastriert, weil sie angeblich aggressiv sind. Leider ist die Kastration ein einfacher Routineeingriff, sodass viele Tierärzte noch immer schneller handeln als beraten.

In den überwiegenden Fällen basiert Aggression auf Verunsicherung oder Angst. Bei einem Hund der ohnehin unsicher ist, hätte eine Kastration und der damit verbundene Eingriff in den Hormonhaushalt schwerwiegende und mit Sicherheit nicht die erwünschten Folgen.

Angstaggressionen werden vom Stresshormon Cortisol, ein Produkt der Nebennierenrinde, gesteuert. Die wichtigste Erkenntnis für all jene, die die Kastration bei „aggressiven“ Hunden als optimale Lösung sehen: das männliche Sexualhormon Testosteron unterbindet die Ausschüttung von Cortisol und hat somit eine stress- und angstreduzierende Wirkung. Außerdem steigert es das Selbstbewusstsein, welches für Souveränität im Umgang mit anderen Artgenossen notwendig ist.

Auch wenn Hundehalter in der Hundeschule nach Rat bezüglich der gezeigten Ressourcenverteidigung (Futterverteidigung) ihrer Hunde fragen, erhalten sie die Kastration viel zu oft und meist völlig unüberlegt als Antwort. Verhaltensexperten haben herausgefunden, dass die Selbstverteidigungsaggression durch die Hormone Adrenalin und Noradrenalin kontrolliert wird. Hierbei handelt es sich vielmehr um ein erlerntes Verhalten, das mit der Aussicht auf Erfolg bestätigt wurde (ich knurre – mein Halter belässt meinen Napf). Auch hier würde die Kastration keinerlei Wirkung zeigen, weil das Verhalten nicht von Sexualhormonen gesteuert wird.

WICHTIG:
Sexualhormone ≠ Stresshormone
Das Verhalten des Hundes ist weit komplexer, als dass es sich durch die Kastration nach Wunsch manipulieren ließe.

Gesundheitliche Risiken

Ein Irrglaube, der Hündinnen eher betrifft als Rüden, ist die Kastration um späteren Erkrankungen vorzubeugen. Diese Hoffnung können Sie getrost streichen. Studien haben gezeigt, dass mit der Kastration und der damit einhergehenden Reduktion von Testosteron, die Wahrscheinlichkeit an anderen Erkrankungen zu leiden ansteigt. So weisen aktuelle Studien nach, dass die Kastration einen Einfluss auf die Entstehung verschiedener Tumorerkrankungen (Osteosarkome, Mastzelltumore oder Milztumore) aber auch Schilddrüsenunterfunktionen und Demenz hat. Testosteron hat außerdem eine bindegewebsstärkende Wirkung, weshalb Kreuzbandrisse und Gelenkserkrankungen nach Kastrationen zum Thema werden können.

Bitte nehmen Sie sich diese Erkenntnisse unbedingt zu Herzen, wenn Sie von Hundehaltern, Tierärzten oder Hundetrainern den voreiligen Tipp bekommen, Ihren Hund wegen seiner „Aggression“ oder des „übersteigerten Sexualtriebs“ zu kastrieren. Die Kastration ist ein schwerwiegender Eingriff in den Hormonhaushalt und stellt sicher keine Verhaltenstherapie dar!